Momo

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Aachener Volkszeitung 25. Juni 1986

"Erzählendes" Tanzen fordert die Uraufführung "Momo" nach Motiven aus Michael Endes Märchenroman von den Akteuren der Aachener Ballettschule Brigitte Erdweg. (Foto: Wolfgang Plitzner)

Momo tanzt sich in die Herzen

Michael Endes Geschichte als Ballett-Uraufführung in Aachen

SABINE SCHULZ

Aachen.- Momo ist überall. Plakate an den Wänden, Zettel, Notizen, Aufruf zur letzten Probe, rot unterstrichen: "Jeder wird gebraucht!" Man schwankt zwischen Lampenfieber und hoffnungsfroher Erwartung. In der Aachener Ballettschule Brigitte Erdweg rückt die Uraufführung des Balletts "Momo", frei nach Motiven des gleichnamigen Märchenromans von Michael Ende, in greifbare Nähe - am 5. Juli ist es im großen Tanzsaal soweit.

Momos Wiedersehen mit dem Freund, umgesetzt in Musik und Bewegung: eine Augen- und Ohrenweide. (Foto: Wolfgang Plitzner)

Seit Brigitte Erdweg die Geschichte vom Mädchen Momo, das die seltene Gabe besitzt, anderen zuzuhören, als Aufführung des Dortmunder Theaters (Inszenierung Klaus Leubner) gesehen hatte, wurde sie die Idee nicht mehr los, daraus ein Ballett zu choreographieren. Bald wird es auch den Film "Momo" geben. "Zufall", lacht Brigitte Erdweg, "als wir uns das vornahmen, war vom Kinofilm wirklich noch keine Rede." Angst hatte man allerdings, dass der Stoff von einem Theater weggeschnappt werden könnte, er ist einfach zu reizvoll.

Eine Erzählung, die vom Wort lebt - wie wird sie durch Bewegung und Musik dargestellt? Szenen wurden erweitert, Ausgeschmückt. So wird zum Beispiel Meister "Hora" als Herr der Zeit, um die es hier geht, von kleinen zweibeinigen Uhren begleitet; Wo im Buch sieben Freunde vorgesehen sind, gibt es laut Choreographie größere Gruppen. "Momo" ist ein Märchen der modernen Welt. Die "grauen Herren", die die Menschen dazu bringen, immer mehr Zeit einzusparen und sich damit mehr und mehr vom Leben zu entfernen, sollen auch ohne Wort das Gefühl der Bedrückung und Bedrohung vermitteln.

75 Tänzerinnen und Tänzer machen bei dieser Produktion mit. Die älteste Darstellerin ist übrigens 60 Jahre alt (!), die jüngste fünf. Zwei Dinge mussten beachtet werden: Einerseits sollte jeder Akteur gut "bedient" sein, andererseits musste aus vielen bunten Einzelstücken ein Ganzes werden. Für die Mitwirkenden ließ Brigitte Erdweg bewusst Freiräume, Szenen wurden Stück für Stück erarbeitet.

Nur für die Aachener Uraufführung schrieb Hannes Sänger die Musik, entwarf Hanne Jost die Kostüme, Lilian Lotze das Grafik-Design der sparsamen Dekoration. "Die Geschichte lebt von den Gesichtern der Menschen, die sie spielen", erzählt die Choreographin, "meine Befürchtung war, dass die Tanzenden nicht die richtige Einstellung, die gute Laune mitbringen, aber zum Glück habe ich's geschafft." Lange Abende mit Eltern, Bitten um Verständnis - nur ein Bruchteil der Vorbereitungsarbeit. Man hofft auf das Interesse des Stadttheaters. Generalintendant Klaus Schultz ist eingeladen, und vielleicht gibt es ja eine Gegeneinladung - auf die Bühne.

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