Momo

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Aachener Nachrichten 5. Juli 1986

Momo und die Zeitdiebe

Michael Endes Geschichte als Ballett-Uraufführung in Aachen

Von SUSANNE GIEGERICH

Aachen. - Rechtzeitig zum fünfjährigen Bestehen hat die Ballettschule Brigitte Erdweg ihre neueste Produktion "Momo" fertiggestellt. Letzte Vorbereitungen laufen auf Hochteuren, nebenbei gibt's noch Hinweise für Frisur und Schminke, hier und da einen Extratipp für Kostüm und Trikot. Lampenfieber? Ja, ein bisschen, bei den Kleinen, denn heute, Samstag, um 20 Uhr, muss alles klappen bei der Premiere der Balletturaufführung in der Brabantstraße 8.

"Momo", seit kurzem wieder in den Medien vertreten, ist die zwölfjährige Hauptperson in Michael Endes gleichnamigem Bestseller, der bereits 1973 erschien. Es ist "die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte". Die Choreographie dieses "Märchen-Romans" offenbart Brigitte Erdwegs Berufsauffassung: "Hohe Ziele und künstlerischer Anspruch sind mir wichtig", und gerade das soll ihre jüngste Arbeit beweisen, in der Abstrakta wie Zeit, Zeitlosigkeit und Zeitverlust in Bewegung und Tanz umgesetzt werden.

Hartes Trainingspensum

Brigitte Erdweg, John Cranko-Schülerin und ehemalige Halbsolistin der Stuttgarter Company, wurde 1983 durch Klaus Leubners "Momo"-Schauspielinszenierung im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater angeregt. In Zusammenarbeit mit ihm und Hannes Sänger, der für das Ballett eine eigene, sehr ansprechende und handlungserklärende Musik komponierte, konnte die Idee von einem "Momo-Ballett" realisiert werden.

Das Tanzensemble sah sich das Schauspiel an und machte sich so über das umfangreiche Buch hinaus mit dem Stoff vertraut. Zunächst wurde einmal wöchentlich geprobt, doch erhöhte sich im letzten halben Jahr das harte Trainingspensum der Hauptdarsteller auf fünf Stunden pro Tag.

Gut gelöst erscheint die Doppelbesetzung der Momo-Rolle, die von der 21jährigen Sonja Fell und der 15jährigen Alexandra von der Heyden getanzt wird. "Es ist illusorisch, ein zwölfjähriges Kind zu finden, das mit Kopf und Bewegung für eine solche Rolle in Frage kommt. Zudem ist die Überforderung durch die immensen Probearbeiten unverantwortlich", weiß die erfahrene Tanzpädagogin.

Ein Handlungsballett

Die Aufführung bietet Schritte aus dem klassischen Ballett, aber auch Elemente der Graham-Technik, des Flamencos und Stepp-Tanzes. Geschickte Raumaufteilung, verschiedene Tempi in Schrittfolgen und Bewegungsabläufen, symbolträchtige Mimik, aber auch sinnliche Bewegungen und Pantomime versprechen ein Handlungsballett, in dem 75 Mitwirkende die Textvorlage nicht bloß durch tanzspezifische Mittel nacherzählen, sondern dem Zuschauer auch einen Freiraum für eigene Phantasie und Gedanken gewähren wollen.

Für die Kostüme zeichnet verantwortlich Hanne Jost, für Graphik-Design Lilian Lotze und für die Technik Ehemann Peter Saacke. Die Premiere findet statt am heutigen Samstag, 5. Juli, um 20 Uhr, in der Ballettschule, Brabantstraße 8.

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