Momo

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Aachener Nachrichten 8. Juli 1986

Nur noch sie, die letzte duftige "Zeitblüte", bleibt Momo, um die grauen Herrn zu besiegen. Szene aus der Uraufführung des Balletts "Momo" nach Motiven des Romans von Michael Ende durch die Ballettschule Erdweg. (Foto: Wolfgang Plitzner)

Momo tanzt und Kassiopaia zwinkert

Viel Beifall für Balletturaufführung nach Motiven von Michael Ende

VON SABINE SCHULZ

Aachen.- Fiebrige Spannung in der Ballettschule Brigitte Erdweg. Gespannt erklettern die Besucher, denen es gelungen ist, eine Eintrittskarte zur Uraufführung des Balletts "Momo" nach Motiven aus Michael Endes gleichnamigen Roman zu erwischen, den schmalen Seiteneingang des Gebäudes an der Brabantstraße 8. In sanften Schleiern wehen die zurückhaltenden Dekorationen von Lilian Lotze. Blauer Himmel, Wolken, Wald, Grün - hier wohnt Momo (Sonja Fell), das kleine Mädchen mit der wunderbaren Gabe, anderen zuzuhören. Hier versuchen die mysteriösen "grauen Herren" die Menschen in ihre Gewalt zu bekommen, ihnen das Leben abzuzapfen, indem sie sie zum Zeitsparen, zum Hetzen, zur Unmenschlichkeit verführen.

Hannes Sängers Musik, ebenso phantasievoll und einfühlsam wie die Kostüme von Hanne Jost, ermöglicht den Akteuren freie Bewegung, spielerischen Ausdruck, fordert zugleich aber auch Präzision in den Bewegungsabläufen, die ja schließlich "erzählen" sollen.

Eine schwere Aufgabe, die Choreographin Brigitte Erdweg da zu bewältigen hatte. Es gelingt ihr, Tanztheater zu zeigen, das fasziniert. Die Spielfreude des gesamten "Ensembles" mit seinen rund 100 Mitwirkenden machte es möglich, der Geschichte mit dem tiefen Sinn zu folgen.

Fröhlich geht es zu in Momos unbeschwerter Welt. Gigi (Claudia Decker) spielt vergnügt die Gitarre, Beppo (Natalie Jungschläger), der Straßenfeger, gesellt sich zu ihnen. Doch bald ändern sich Licht und Musik: Harte, kalte "Scherbenklänge" zerbrechen die unbeschwerte Stimmung. Mechanisches Spielzeug marschiert auf, eine erstaunliche Leistung der jungen Darsteller (Renate Kring als "schrecklich-schöne" Puppe Lili). Mit allen Mitteln versuchen die Grauen, Momo zu verlocken, werfen stechende Blicke ins Publikum, bieten tänzerisch und pantomimisch eine geschlossene Leistung.

Wimpernklappernd und mit weisem, humorigen Blick wird die Schildkröte Kassiopaia (Brigitte Benczek), Meister Horas Botin, neben Momo schnell Zuschauerliebling. Meister Hora (Silvia Matt), den Herrn der Zeit, umticken viele Uhren (niedlich und sehr diszipliniert von den Kleinsten getanzt). Hier erfährt Momo eine Menge über das Rätsel der Zeit; über den Frevel der grauen Herren die Momo mit erbitterter Wut verfolgen, verbissen von außen, gegen die vergitterten Fenster den Tanzsaals trommeln. So manch einer der jüngsten Zuschauer verkroch sich in diesem Moment auf Muttis Schoß.

Doch schließlich schafft es Momo nach aller Bedrohung, die geraubten Zeitblüten zu retten, alles ist wieder gut.

Die Ballettschüler im Alter zwischen fünf und 60 Jahren haben gezeigt, was sie konnten und dabei ein enormes Spektrum vom Spitzentanz über Stepp- und Flamenco-Schritt bis hin zu volkstümlichen Tanzformationen bewiesen. Mit Blumen geradezu überhäuft erntete Brigitte Erdweg zusammen mit ihren Schülern begeisterten Beifall für eine reife Leistung, die nicht zuletzt durch eine, dem schwierigen Stoff maßgeschneiderte Musik möglich wurde. (Weitere Termine: 12., 13., 19., und 20. Juli jeweils 15 und 18 Uhr.)

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