Urlaubsgrüße

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Aachener Nachrichten 22. Juli 1992

Zu einer vorzüglichen Darbietung geriet der Flamenco-Abend der Ballettschule Erdweg Foto: Müller

Finger schnalzen, Füße stampfen, Röcke wirbeln

Ein heißer Flamenco-Abend der Ballettschule Brigitte Erdweg – Das Publikum wurde mitgerissen.

Von ROLF MÜLLER

AACHEN — Tausende Spanien-Touristen besuchen alljährlich die oberflächlich folkloristischen Flamenco-Darbietungen in ihrem Urlaubsland. Doch die traditionelle Tanz- und Musikform beinhaltet wesentlich mehr, als ihr kommerzieller Abklatsch auszudrücken vermag.

Über Jahrhunderte hinweg ist der rhythmische Tanz aus den Seelenzuständen der Menschen gewachsen, die in den kargen Weiten Andalusiens leben. Keiner weiß genau zu sagen, wann und wo der Ursprung des Flamenco zu suchen ist. Fest steht aber, dass es sich um ein Gemisch der Musik verschiedener Kulturen handelt, welche in Andalusien lange Zeit eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Muslimische, jüdische, indo-pakistanische und byzantinische Einflüsse sollen den Tanz zu dem gemacht haben, was er heute darstellt. Erst im 15. Jahrhundert werden die Zigeuner erwähnt, denen man wohl fälschlicherweise die Entwicklung des Folkloretanzes zuschreibt.

Brigitte Erdweg hat die Kunst des Flamenco an verschiedenen deutschen und spanischen Schulen studiert. Seit elf Jahren überträgt die ehemalige Tänzerin des Stuttgarter Balletts ihre Leidenschaft auf die Schüler ihrer Aachener Ballettschule. Mit einer abwechslungsreichen Flamenco-Aufführung wusste ihr Ensemble jetzt die Zuschauer im Eurogress zu begeistern.

Tänzer, Musiker und Schauspieler übertrugen die mit dem Flamenco verbundenen Lebensgefühle auf ihr Auditorium. Rezitationen von Gedichten des spanischen Lyrikers und Dramatikers Federico Garcia Lorca durch Thomas Sauerteig, Schauspieler am Stadttheater, Musik und Tanzdarbietungen wechselten sich als künstlerische Elemente ab, ergänzten und befruchteten sich gegenseitig. Bilderreich beschreibt Lorca die Atmosphäre der kargen andalusischen Landschaft und das harte Dasein der dort lebenden Menschen, berichtet über das Beieinander von Leben und Tod, Fröhlichkeit und Schmerz.

Flamenco-Gitarrist Detlev Bork begleitete die Lorca-Rizitationen musikalisch. Die klagenden Laute seiner Gitarre, unterstützt von dem tiefen Verzweiflungsschrei "Aye, Aye" stimmten die Besucher auf die Darbietungen der Tänzerinnen ein. Zur leidenschaftlich vorgetragenen Musik des Gitarrenduos "Los Meles" stampften Füße, klatschten Hände, schnalzten Finger und wirbelten bunte Röcke.

Die harten und weichen Anschläge der spanischen Melodien, die an indische Tänzerinnen erinnernde Armschleifen der Flamencotänzerinnen und ihr technisch perfekter Vortrag wurde vom Publikum begeistert angenommen. Zum umjubelten Höhepunkt der Veranstaltung wurden die Soloauftritte von Brigitte Erdweg, bei denen das spannungsreiche und sehnsuchtsvolle Miteinander von innerer und äußerer Bewegung zwischen den Extremen von Tragik und Frohsinn, Liebe und Hass, Freiheit und Enge, dank ihrer perfekten Umsetzung besonders deutlich zum Ausdruck kamen.

Ihr Rhythmus ging in die Hände und Füße der Zuschauer. Diese dankten mit lautstarken Beifallsbekundungen, und nach mehreren Zugaben endete der Abend, der insgesamt ein gelungener Beitrag zum Aachener Kultursommer darstellte, in einer temperamentvollen Fiesta, bei der Zuschauer und Akteure gleichermaßen auf der Bühne tanzten.

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